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Einführung

Einleitende Zusammenfassung

In der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) (BITV) werden für die Bundesverwaltung die einzuhaltenden Voraussetzungen für Angebote im Internet festgeschrieben. Durch die Rechtsverordnung sollen behinderte Menschen die Informationen aller öffentlichen Internetauftritte und -angebote von Bundeseinrichtungen grundsätzlich uneingeschränkt nutzen können. Die BITV wurde in ihrer zweiten Fassung als BITV 2.0 am 21. September 2011 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht. Wie in der ersten BITV-Fassung sind in der BITV 2.0 technische Anleitungen und Beschreibungen der anzuwendenden Standards zur Verordnung in Anlagen beschrieben.

Mit dem BITV-Lotsen wurde ein Online-Leitfaden geschaffen, der die Hintergründe der BITV 2.0 praktisch erläutert und mit Beispielen, Tipps und Tools zeigt, wie Barrierefreiheit in den einzelnen Bereichen umgesetzt werden kann. Der BITV-Lotse richtet sich in erster Linie an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Behörden und Einrichtungen des Bundes, die die BITV 2.0 technisch umsetzen müssen. Darüber hinaus können sich auch Unternehmen der Privatwirtschaft und interessierte Bürgerinnen und Bürger umfassend über die Möglichkeiten informieren, Webseiten barrierefrei zu gestalten.

Der BITV-Lotse liefert eine praxisnahe Aufbereitung der einzelnen Anforderungen und Bedingungen der BITV 2.0 und hilft durch konkrete Beispiele und zusätzlichen Informationen bei der Umsetzung der BITV 2.0.

Barrierefreiheit und Universelles Design

Im § 4 des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes (BGG) ist zwar eine Definition von Barrierefreiheit festgelegt, aber was bedeutet das für die Informationstechnik? Ein Lösungsansatz ist "Gestaltung in universellem Design". Was ist universelles Design?

Um dies zu verdeutlichen ein Beispiel aus einem ganz anderen Bereich: Treppen stellen ein Problem für viele dar. Sie sind ein Problem für kleine Kinder, Eltern mit Kinderwagen, Menschen mit Gepäck, gebrechliche ältere Menschen, Personen mit Gehstöcken, Personen mit Amputationen, Menschen mit Sehbehinderung, Rollstuhlfahrer. Eine kleinere steile Treppe lässt sich mit anlegbaren Treppenrampen ausstatten. Der Zugang zum Eingang wäre damit für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen begrenzt möglich. Für die anderen genannten Gruppen bleibt das Problem jedoch bestehen, die Treppen sind für sie auch mit den zusätzlich eingesetzten Rampen nicht ohne besondere Erschwernis und ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar.

vierstufige Treppe mit angelegten sehr steilen Rampen vierstufige Treppe mit angelegten sehr steilen Rampen

Für das Treppenbeispiel wäre eine dauerhafte flache Rampe notwendig, damit alle Personen ohne besondere Erschwernis und ohne fremde Hilfe zur Eingangstür kommen. Der Eingangsbereich wäre dann barrierefrei, gestaltet in "Universellem Design" oder in einem "Design für Alle".

"Universelles Design ist der Entwurfsprozess von Produkten, die von Menschen der breitest mögliche Palette unterschiedlichster Fähigkeiten in der breitest möglichen Palette von Situationen (Umgebungen, Konditionen und Umstände) benutzt werden können."

Tatsächlich können nicht alle Barrieren durch universelle Lösungen beseitigt werden. Es wird immer die Notwendigkeit spezifischer zielgerichteter Lösungen und individueller Anpassungen mit Hilfsmitteln der Rehabilitationstechnik geben. Entscheidend ist jedoch das Zusammenwirken beider Konzepte "Design für alle" und spezieller Lösungen.

Was bedeutet Barrierefreiheit und Universelles Design im Hinblick auf Informationstechnik?

Wir alle kennen verschiedene Zugangsbarrieren zum Internet aus eigener Erfahrung in bestimmten Situationen oder bei Verwendung bestimmter Geräte. Kiosk-Systeme erlauben meist nur eingeschränkten Zugriff, teilweise auch mit reduzierten Eingabegeräten; auf Mobiltelefone mit kleinerem Display erhalten wir nicht die gewohnte Übersicht. Bei Mobilfunkverbindungen kommt es aufgrund einer niedrigen Bandbreite eventuell zu Einschränkungen. In lauten Umgebungen sind Töne schwer zu hören. In heller Umgebung mit Blendung kommt es zu Problemen das Display kleiner Geräte zu lesen. Und während einer Autofahrt oder Zugfahrt haben wir Probleme Links zu treffen.

Zugangsbarrieren bestehen demnach für Nutzer "älterer" Technik, für situativ eingeschränkte Nutzer, für ältere Menschen und für Menschen mit den unterschiedlichsten Behinderungen.

Eine detaillierte Übersicht zu diesem Thema finden Sie auch im Informationsportal wob11 unter http://wob11.de/sensibilisierungshowall.html

Einschränkungen des Sehens

Menschen mit Farbenfehlsichtigkeit verwenden eventuell nutzereigene CSS, Menschen mit Sehschwächen nutzen eventuell andere Browser- oder Systemeinstellungen und stellen benutzerspezifische Kombinationen von Text und Hintergrundfarben mit voreingestellter vergrößerten Schrift und vorausgewählter Schriftartverwenden ein. Bei sehr starker Sehschwäche werden eventuell auch zusätzliche Programme zur Vergrößerung (Bildschirmlupe) verwendet oder sie nutzen wie Menschen mit Blindheit zusätzlich ein Bildschirmvorleseprogramm (Screenreader). Menschen mit Blindheit nutzen ein Bildschirmvorleseprogramm, wobei der für dieses Programm zugängliche Text über eine Sprachausgabe akustisch wiedergegeben oder taktil über eine Braillezeile ausgegeben wird. Durch das Vorlesenlassen von Links oder Überschriften einer Internetseite können Screenreader-Nutzende sich einen Überblick über diese Seite verschaffen. Durch Springen von Link zu Link oder von Überschrift zu Überschrift einer Seite oder durch das Überspringen von Bereichen können Screenreader-Nutzende schnell und leicht durch den Webseiteninhalt navigieren.

Einschränkungen des Hörens

Schwerhörige Menschen können sich Warnmeldungen visuell anzeigen lassen. Für schwerhörige Menschen hilfreich sind systemunabhängige Optionen für das Anhalten, Pausieren und Anpassen von Audio-Inhalten. Audio-Inhalte sollten über gute Qualität verfügen und klar von Hintergrundgeräuschen unterscheidbar sein. Für gehörlose Menschen, für welche die Gebärdensprache die erste Sprache ist, sind ergänzende Bilder und hervorgehobene Texte sowie Gebärdensprachfilme hilfreich.

Einschränkungen von motorischen Funktionen

Zu Einschränkungen von motorischen Funktionen zählen:

  • Verluste oder Deformität von Gliedmaßen
  • Eingeschränkte Gelenkbeweglichkeit und Gelenkstabilität

    • Gelenkentzündungen (Arthritis, Arthrose) und damit verbundene Schmerzen oder rheumatische Beschwerden können die Bedienung von Computer-Eingabegeräten erheblich erschweren oder verhindern.
  • eingeschränkte Muskelfunktionen (Muskelkraft, Muskelspannung und Muskelausdauer)

    • Durch Entzündungen, Erbkrankheiten und Verletzungen können die Funktionen der Muskeln eingeschränkt sein. Bei Muskelentzündungen (zum Beispiel bei Faser-Muskel-Schmerz (Fibromyalgie)) können die damit verbundene Schmerzen und weitere rheumatischen Beschwerden Tastatur- und Mausbedienung erheblich erschweren. Eine Muskeldystrophie führt zu Muskelschwäche und Muskelschwund, wodurch die Bedienung von Computereingabegeräten ebenfalls erschwert oder verhindert ist. Auch verminderte oder erhöhte Muskelspannung und Spastiken können die Bedienung von Eingabegeräten erheblich erschweren oder verhindern. Unter anderem durch Verletzungen können Lähmungserscheinungen (Muskelparese) auftreten, welche die komplette Lähmung einer Gliedmaße (Monoplegie), die komplette Lähmung einer Körperseite (Hemiplegie), die komplette Lähmung beider Arme oder Beine (Paraplegie) oder die komplette Lähmung aller vier Gliedmaßen (Tetraplegie) zur Folge haben können.
  • eingeschränkte Kontrolle von Bewegungen

    • Sowohl die Kontrolle einfacher und komplexer Willkürbewegungen wie zum Beispiel eine verminderte Auge-Hand-Koordination als unwillkürliche Muskelkontraktionen (zum Beispiel bei Tremor, Tics, Dyskinesie) können die Bedienung von Eingabegeräten erheblich erschweren oder verhindern.

Menschen mit Einschränkungen von motorischen Funktionen verwenden verschiedene an ihre Bedürfnisse und Möglichkeiten angepasste Ersatzgeräte und Systemeinstellungen anstelle der herkömmlichen Standardmaus und Standardtastatur. Bei Muskelschwäche kann eventuell ein Touchpad und eine Minitastatur die Eingabe erleichtern, bei Spastiken sind eventuell ein Joystick und eine Tastaturabdeckplatte hilfreich. Einen Kopfstab oder Mundstab kann beim Tippen helfen. Eine Bildschirmtastatur lässt sich auch nur durch Kopfsteuerungen oder mit einzelnen Tastern bedienen. Spracherkenunng oder auch nur Augenbewegungen können Handbewegungen ersetzen und zur vollständigen Bedienung eines Computers eingesetzt werden.

Minitastatur für Muskeldystrophiker (Minitastatur M32 von Ingenieurbüro Dr. Seveke) Minitastatur für Muskeldystrophiker (Minitastatur M32 von Ingenieurbüro Dr. Seveke)

Einschränkungen von mentalen Funktionen

Anstatt des hier verwendeten Begriffs "Einschränkung von mentalen Funktionen" werden häufig auch die Begriffe "kognitive und neurologische Behinderungen" oder vereinfachend "Menschen mit Lernschwierigkeiten" verwendet. Beide Begriffe beschreiben die Vielzahl der möglichen Einschränkungen jedoch eher ungenau.
Neurologische Behinderungen wirken sich häufig eher oder auch auf den Bewegungsapparat und eventuell weitere Sinnesempfindungen aus. So können bei einer "Multiplen Sklerose" Sehstörungen, Missempfindungen, Taubheitsgefühle, Schmerzen und Lähmungserscheinungen auftreten. Bei Anfallsleiden wie Epilepsie können Krampfanfälle als Reaktion auf bestimmte Frequenzen flackernder Signale auftreten.
Lernschwierigkeiten beschreiben das Problemfeld nur unzureichend und der Begriff wird nicht einheitlich verwendet. Mit "Lernschwierigkeiten" werden im anglikanischen Sprachraum eher Wahrnehmungsprobleme bezeichnet. Hierunter fallen Schwierigkeiten beim Wahrnehmen und Verarbeiten von auditiver, taktiler, sensorischer oder visueller Information, zum Beispiel bei Lese-/Rechtschreibschwäche (Dyslexie/Dysgraphie) oder Rechenschwäche (Dyskalkulie). In Europa werden unter "Lernschwierigkeiten" im Allgemeinen auch Entwicklungsstörungen wie zum Beispiel das Down-Syndrom verstanden, die dazu führen können, dass Lernen langsamer erfolgt und komplexe Konzepte nicht so gut verstanden werden. Manchmal wird auch der Begriff "intellektuelle Störungen" verwendet, obwohl mentale Einschränkungen nicht notwendigerweise die Intelligenz betreffen. Zu Einschränkungen mentaler Funktionen zählen ebenfalls Schwierigkeiten beim Durchführen einzelner Aufgaben oder bei längerer Konzentration auf eine bestimmte Aufgabe, zum Beispiel bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Bei Vorliegen einer psychischen Funktionsstörung sind Konzentrieren auf und Verarbeiten und Verstehen von Information möglicherweise ebenfalls eingeschränkt. Unter Umständen können dabei durch Psychopharmaka zusätzliche Beeinträchtigungen entstehen, wie unscharfe Sicht oder Handzittern. Auch Schwierigkeiten in sozialer Kommunikation und Interaktion wie sie zum Beispiel bei Autismus oder Asperger-Syndrom vorliegen können, werden zu Einschränkungen mentaler Funktionen gezählt.

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